Planung im Wandel
- Schrumpfung, Bestandsentwicklung, veränderte Anforderungen

Prof. Dr. habil Rainer Winkel, Professur für Landesplanung und Siedlungswesen der TU Dresden

1. Die Ausgangssituation

Wenn wir planen, geht es um Entwicklung. Mit Planung soll steuernd auf den Entwicklungsverlauf Einfluss genommen werden. Entwicklung wird dabei, i. d. Regel ohne es auszusprechen, weitgehend mit Expansion, Bedarfsausweitung, Wachstum, kurzum mit zusätzlichen Erfordernissen gleichgesetzt, die es abzudecken gilt. Unsere Planung ist deshalb weitgehend auf expansive, wachstumsorientierte Entwicklung ausgerichtet. Das gilt sowohl großenteils für das allgemeine Planungsverständnis, als auch für Ansätze und Methoden. Selbst unserem Planungsrecht liegt diese Ausrichtung teilweise zugrunde.

Woher kommt diese Ausprägung? Nun, sehen wir uns unsere jüngere Vergangenheit an. Das Planungsverständnis, die Ansätze und Methoden sind weitgehend im Zeitraum der letzten 150 Jahre entwickelt worden, also dem Zeitraum der deutschen Industriealisierung und dem danach. Für diese Zeit war prägend:

Dieser großen Bedarfsexpansion stand über sehr lange Zeit ein weitaus zu geringes Angebot an Wohnungen, Büros, Gewerbebauten, Infrastrukturausstattung und baulichen Nutzflächen gegenüber, das es abzubauen galt. Zudem wurde der Abbau der großen Defizite noch durch die Krisen der Wirtschaftsentwicklung und den ersten Weltkrieg unterbrochen. Die großen Zerstörungen des zweiten Weltkrieges und die daraus folgenden großen Flüchtlingsbewegungen verschärften diese Defizite noch. Deshalb war die Planung in Deutschland über sehr lange Zeit eben von dem Erfordernis geprägt, die Defizite durch zusätzliche Angebote abzubauen. Es ging in erster Linie, um die Schaffung von neuen Bauflächen und um Neubauten, die möglichst raumverträglich auf den kommunalen Gemarkungen und den regionalen Räumen zu verteilen waren.



2. Planungsinstrumente und Expansion

Dementsprechend sind unsere Instrumente und Konzepte ausgerichtet:

Die Vorgaben in den Landesentwicklungsplänen und den Regionalplänen sind ebenfalls weitgehend von expansiven Entwicklungserwartungen gekennzeichnet. Typische Vorgaben sind u. a. die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze, die Entwicklung der Wirtschaft, womit Wachstum gemeint ist, der Infrastrukturausbau, usw., usw.. Diese Ausprägung war unter den Erfordernissen der Vergangenheit sinnvoll und weitgehend richtig. Nur die Rahmenbedingungen haben sich gewandelt und werden sich weiter wandeln.



3. Veränderung der Rahmenbedingungen

Die wesentliche Veränderung setzte mit dem Umbruch der Bevölkerungsentwicklung in den alten Bundesländern ein. In den 60er Jahren fand bekanntlich eine völlige Umkehr der Bevölkerungsentwicklung statt. Das bis dahin hohe natürliche Bevölkerungswachstum kehrte sich in einen ausgeprägten Schrumpfungsprozess um. Die Geburten erreichen seit dem nur noch etwa zwei Drittel der Sterberate. Diese Entwicklung blieb zunächst fast unbeachtet. Ende der 70er Jahre erkannte man, dass daraus grundlegende Veränderungen hervorgehen könnten (0). Dennoch war die Reaktion nur verhalten. Das hatte seine Gründe:

Für den letzten Aspekt war allerdings die Finanzsituation der betreffenden Kommune entscheidend. In Kommunen, in denen der Einwohnerrückgang durch größere Finanzprobleme überlagert wurde, konnten sich schon Konsequenzen ergeben. Diesbezüglich sei beispielhaft auf diese Problematik in der Stadt Duisburg Mitte der 80er Jahre verwiesen. Dort wurde damals in der Stadtentwicklung bereits der Rückzug geplant, d.h. bei welchem Stand des Einwohnerrückgangs welche Infrastruktur aufzugeben ist (1). Anfang der 80er Jahre kann es zudem bereits zu Leerständen und Auslastungsproblemen für das Wohnungsangebot in verschiedenen westdeutschen Großstädten, von denen vor allem die neuen Großsiedlungen im Plattenwohnungsbau betroffen waren.

Auch bezüglich der Wirtschaft hat sich die Lage längst verändert. Neuansiedlungen, neue Bedarfe gingen seit langem immer weiter zurück. Der Schwerpunkt der Wirtschaftsentwicklung richtet sich in den alten Bundesländern seit nun mehr fast 20 Jahre vorrangig auf die Bestandsentwicklung. Statt um Neuansiedlungen ging es schon in den 80er Jahren um endogene Entwicklung, also um Entwicklung des Bestands.

Diese an sich sinnvolle Veränderung in der Planungsausrichtung wurde dann durch die Wiedervereinigung unterbrochen. Als Anfangsfolge der Wiedervereinigung fand bekanntlich die große Ost-West-Wanderungsbewegung statt. Dadurch erfuhren viele Kommunen in den alten Bundesländern fast schlagartig einen hohen Bevölkerungszuwachs, den es zu versorgen galt. Die Aufgabe des Abbaus von Versorgungsdefiziten erhielt damit verstärkte Aktualität.

In den neuen Bundesländern waren ebenfalls größte Versorgungsdefizite zu beseitigen. Zum einen wegen der knappen Wohnraumversorgung in der ehemaligen DDR und dann vor allem als Folge der Systemanpassung, mit den zunächst enormen Bedarfen an Einzelhandelsflächen, Büroflächen, z. T. anderen Anforderungen an Gewerbeflächen und Bauten. Also ging es auch dort wiederum vor allem um die Fortsetzung der nun fast schon traditionellen Planungsaufgabe zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, um die Defizite abzubauen.

Der schlagartige Geburteneinbruch in den neuen Bundesländern hat jedoch bereits die möglichen Folgen eines Bevölkerungsrückgangs vor Augen geführt. Die Anzahl der Kleinkinder und der Grundschüler hat sich seit dem mehr als halbiert. Diese Größenordnung war mit Teilleerständen nicht mehr zu tolerieren. Als Konsequenz war Rückbau von Kapazitäten angesagt. Etliche Kindergärten und Grundschulen sind seit dem infolge mangelnder Auslastung geschlossen worden.



4. Die zukünftigen Rahmenbedingungen

Für die Zukunft wird heute, trotz erwarteter fortgesetzter Außenzuwanderungen von keinem wesentlichen Bevölkerungszuwachs mehr ausgegangen. Die ursprünglichen Erwartungen eines weiteren Anstiegs auf ca. 85 Mio. Einwohner bis zum Jahre 2010 sind inzwischen nach unten auf ca. 82,5 Mio. Einwohner korrigiert worden. Für die nahe Zukunft ist deshalb in den alten Bundesländern insgesamt eher von einer stagnierenden Bevölkerungsentwicklung auszugehen. In den neuen Bundesländern muss hingegen von einem leichten, kontinuierlichen Bevölkerungsrückgang ausgegangen werden, da die natürlichen Verluste nur sehr begrenzt durch Außenzuwanderungen ausgeglichen werden.

Für Mittelschüler, Gymnasiasten und Berufsschüler zeichnen sich schon heute drastische Veränderungen ab. Ihre Anzahl wird bereits bis 2010 um ca. 50% zurückgehen. Das bedingt ähnliche Konsequenzen, wie es diese Länder erst vor kurzem für ihre Grundschulen erlebt haben. In den ländlichen Räumen könnten daraus besonders schwierige Probleme entstehen. Ein differenzierter Berufsschulunterricht wird dann an etlichen Standorten nur noch eingeschränkt, oder nicht mehr möglich sein.

Die Bevölkerungsentwicklung verteilt sich jedoch keinesfalls gleichmäßig. Sie wird durch Binnennah- und Binnenfernwanderungen überlagert. Dadurch erfahren Räume und einzelne Kommunen durch Zuwanderungen einen Ausgleich, in anderen werden umgekehrt die Folgen noch durch Abwanderungen erheblich verschärft. In dieser Hinsicht kommt vor allem den Binnennahwanderungen als Suburbanisierung Bedeutung zu, von denen heute der Großteil der Städte betroffen ist. In den alten Bundesländern können die dadurch bedingten Einwohnerverluste der Städte durch Außenzuwanderungen, also Fernzuwanderungen teilweise ausgeglichen werden. In den neuen Bundesländern findet die Suburbanisierung unter den Rahmenbedingungen ohnehin rückläufiger Einwohnerzahlen statt. Die Entwicklungen überlagern sich also und führen dadurch zu weit empfindlicheren Einwohnerverlusten in den ostdeutschen Städten. Neueste Untersuchungen in Thüringer Landkreisen zeigten zudem, dass von der Suburbanisierung keinesfalls nur die Verdichtungsräume und die großen Zentren betroffen sind. In den ländlichen Räumen wurde die Suburbanisierung für sämtliche erfassten Mittelzentren, für den Großteil der Unterzentren und für etliche Kleinzentren festgestellt (2).

In den von ausgeprägter Suburbanisierung betroffenen Städten, insbesondere in Ostdeutschland, werden die bevorstehenden Folgen eines Einwohnerrückgangs bereits deutlich:

Diese Entwicklung, die heute vorrangig nur die Städte betrifft, könnte mittel-, erst recht langfristig für weite Teile Deutschlands prägend werden. Die jüngsten und aktuellsten Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, erstellt vom DIW, gehen von folgender bevorstehender Entwicklung aus:

Nun ist das Jahr 2050 noch lange hin. Die meisten heute lebenden Planer werden es ohnehin nicht mehr erleben, aber die baulichen Aktivitäten, die durch ihre Planungen entstehen, sei es Wohnungen, Infrastruktur oder Gewerbebauten, die werden dann großenteils noch stehen und zu unterhalten sein. In Hinblick auf unsere Zukunftsverantwortung für die nächste Generation, die es ohnehin schwerer haben wird und im Sinne von Nachhaltigkeit, sollten diese Aspekte schon in den Planungen von heute Berücksichtigung finden.

Da diese Entwicklung kaum in gleichmäßiger räumlicher Verteilung verläuft, wird es zu unterschiedlichen Ausprägungen kommen. In einigen Räumen werden Wanderungen einen Ausgleich bewirken, in anderen eine Verschärfung, so dass dort diese Entwicklung viel früher einsetzt. Die Planung muss sich also auf eine zukünftige Entwicklung einstellen, die gekennzeichnet sein wird von

Diese Entwicklung wird zugleich überlagert von



5. Finanzprobleme

Einwohnerrückgang beinhaltet letztlich weniger Steuerzahler und weniger Konsumenten, was sich für alle Ebenen öffentlicher Gebietskörperschaften bezüglich der Finanzeinnahmen ungünstig auswirkt. Da unsere Systeme bezüglich ihrer Kapazitäten i. d. Regel nicht flexibel sind, können sie kaum rückläufigen Bedarfen angepasst werden. Sie müssen quasi mit gleichen Aufwand für eine reduzierte Nutzerzahl teilausgelastet weiter betrieben werden. Dadurch finden bei Einwohnerrückgängen i. d. Regel kaum Entlastungen statt, aber die Einnahmen sinken (5).

Diese Problematik kann noch schwieriger werden, wofür insbesondere ein Beispiel der technischen Infrastruktur, nämlich die Abwasserentsorgung steht. Die Abwasserkanäle benötigen einen Mindestdurchlauf, damit das Schwerkraftprinzip der Entwässerung funktioniert. Dieser Mindestdurchlauf darf die Sollwerte, bzw. die Kapazitätsauslegung nicht erheblich unterschreiten, sonst funktioniert das System nicht. Noch problematischer wird es für die heute zeitgemäßen vollbiologischen Kläranlagen. Auch diese benötigen einen Mindestdurchlauf, der aber zudem auch einen Mindestverschmutzungsgrad aufweisen muss, sonst bricht die Klärfunktion zusammen. Bei einem deutlichen Einwohnerrückgang besteht die Gefahr, dass in den betroffenen Kommunen das Abwassersystem nicht mal mit der aufwendigen Einleitung zusätzlichen Trinkwassers funktionsfähig gehalten werden kann. Aus den angeführten Gründen kann dann die Erfordernis für unter großem Aufwand zu errichtende Neuanlagen entstehen.

Diese werden sich die Kommunen aber immer weniger leisten können. Zunächst spricht die bevorstehende Neuregelung im Länderfinanzausgleich in den meisten Bundesländern für eine Minderung des Volumens im kommunalen Finanzausgleich. Die neuen Bundesländer dürften davon sämtlichst betroffen sein. Überdies ist auch infolge der EU-Osterweiterung eine Minderung der heute noch möglichen Zuschüsse wahrscheinlich. Obendrein muss von deutlich steigenden Sozialaufwendungen ausgegangen werden. Dafür spricht folgende Problematik:

Es ist erklärtes Ziel der Politik, die schon heute hohen Sozialbeiträge, die durch Lohnabzüge und Lohnnebenkosten aufgebracht werden, nicht weiter zu erhöhen, damit Deutschland in der EU konkurrenzfähig bleibt. In den nächsten Jahren beginnt jedoch, wie oben angeführt, das Arbeitskräftepotential zurückzugehen und zwar in einen langzeitig andauernden Schrumpfungsprozess. Dementsprechend geht das Potential der Beitragszahler für Sozialleistungen zurück und somit auch das Finanzvolumen für Sozialleistungen. Dem steht nun, wie oben angeführt, die wachsende Anzahl der Rentner, ab 2010 insbesondere der hochbetagten Rentner, mit hohem Pflegeaufwand und damit hohen Sozialkosten gegenüber. Hier beginnt eine Scherenwirkung, die in fortschreitendem Zeitverlauf für zunehmende, größte Probleme spricht. Nach der heutigen Rechtslage der Kommunalverfassungen wird das vor allem die Kommunen treffen. Demzufolge stehen diese vor dem Problem bei tendenziell sinkenden Einnahmen immer größere Sozialaufwendungen zu tragen, so dass ihre finanziellen Handlungsspielräume, insbesondere ihre Investitionsmöglichkeiten auf kleine bis kleinste Größen schrumpfen können.

Überdies erscheint es fraglich, ob das überalterte Deutschland mit seinen schon heute sichtbaren Engpässen an qualifizierten Fachkräften dann noch seine wirtschaftliche Spitzenstellung halten kann. R. Mackensen hat auf die Gefahren, die auf die deutsche Wirtschaftsentwicklung infolge eines überalterten Management zukommen könnten bereits Anfangs der 80er Jahre hingewiesen (6). Sollte es zu einer derart ungünstigen Entwicklung kommen, wäre mit noch weitaus größeren Finanzproblemen zu rechnen.

Die Planung sollte sich daher schon auf eine Minderung der zukünftigen finanziellen Spielräume und Handlungsmöglichkeiten einstellen. Das gilt sowohl für das Finanzaufkommen in den Kommunen als auch für die Fördermittel. Überhaupt ist in Anbetracht der EU-Erweiterungen und der Kompetenzverlagerungen in Richtung EU von verminderten Steuerungsmöglichkeiten für die deutsche Raumordnung durch Fördermittel auszugehen.



6. Bedarfsveränderungen

Grundsätzlich muss auch für die zukünftige Entwicklung von Bedarfsveränderungen ausgegangen werden. Die Bedarfe haben sich schließlich in jeder Gesellschaft im zeitlichen Verlauf verändert. Allein schon der hohe Altenanteil und darunter der große Anteil unmobiler, hochbetagter alter Menschen spricht für Verlagerungen in den Bedarfsausprägungen. Genauso sind bei anhaltender Tendenz zu Kleinhaushalten mit hohem Anteil von Einpersonenhaushalten auch gewisse Bedarfsverschiebungen wahrscheinlich. Weiterhin wird von Wertforschern ebenfalls eine Verlagerung gesellschaftlicher Präferenzen vorhergesehen, genauso wie von anderen Experten Veränderungen im Freizeitverhalten oder auch in der Ausprägung zukünftiger Öffentlichkeit erwartet werden.

Schließlich ist noch auf einen weiteren, wichtigen Zukunftsaspekt hinzuweisen. Seit der deutschen Industrialisierung ist die ursprüngliche enge Verknüpfung von Wohnen und Arbeiten räumlich getrennt. Die heutigen Expertenmeinungen zur Entwicklung des zukünftigen Arbeitsmarktes Deutschland gehen zum einen vom Schwerpunkt der Dienstleistungstätigkeiten und zum anderen von weitgehend freiberuflicher oder teilselbständiger Tätigkeit der Arbeitskräfte aus. Selbständige oder teilselbständige Erwerbstätige des Dienstleistungssektors werden aber häufig nicht eigene Büros anmieten, sondern diese Tätigkeit von der Wohnung ausüben. Die Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten wird sich damit für einen Großteil der Beschäftigten auflösen, eine Entwicklung die längst begonnen hat. Wo bleibt bei deren fortschreitenden Verlauf dann unsere BauNVO (Baunutzungsverordnung) und die funktionale Gliederung der Räume durch die Stadtplanung und den Städtebau?

Bedarfsveränderungen führen oftmals zu veränderten oder zu neuen Anforderungen an die kommunalen Versorgungsleistungen und Infrastruktur. Bislang ist die Planung gewohnt diesen Anforderungen vor allem durch Neubauten zu entsprechen. Die werden wir uns aber zukünftig wegen der dargelegten Perspektiven der Finanzentwicklung kaum leisten können. In Anbetracht des erreichten hohen Ausbaustands nehmen sich die Neubaukapazitäten, die in einem Jahr geschaffen werden, gegenüber dem Bestand ohnehin minimal aus. Egal ob wir die Wohnversorgung oder einzelne Bereiche der Infrastruktur betrachten, der Kapazitätszugang, der durch die jährlichen Neubauleistung geschaffen wird, beträgt gegenüber den Bestandskapazitäten bestenfalls 0,5% bis 1%! Wollten wir Bedarfsveränderungen allein durch Neubauten abdecken, würden wir dafür extrem lange Zeiträume benötigen und in dieser Zeit hätten sich viele Bedarfe längst wieder verändert. Ganz abgesehen davon steigen mit jeder zusätzlichen öffentlichen Einrichtung die Folgekosten weiter an und schränken somit die finanziellen Spielräume weiter ein. Aus den dargelegten Gründen, wegen der Finanzproblematik und auch aus ökologischen Gründen wird deshalb der Schwerpunkt der zukünftigen Entwicklung ohnehin die Bestandsentwicklung sein.



7. Perspektiven für die zukünftige Planung

Für die Planungsaufgaben der Zukunft müssen wir uns daher schon auf deutlich veränderte Rahmenbedingungen einstellen:

Das bedingt als grundsätzliche Ausrichtung für die zukünftige Planung:



8. Bestandsentwicklung

Bestandsentwicklung stellt eine viel schwierigere Aufgabe als Neuplanungen dar. Es sind viel mehr Zwänge und Abhängigkeiten zu berücksichtigen und weit mehr rechtliche Bindungen gegeben. Für dieses Aufgabenfeld liegen auf der kommunalen Ebene durch die Stadtsanierung bereits langjährige Erfahrungen vor, die diese Einschätzung bestätigen. Sie belegen, dass Bestandsentwicklung kaum mit starren Planungsvorgaben erfolgreich zu bewältigen ist. Es bedarf viel mehr der Konzentration auf wenige, unerläßliche Eckwerte bei hoher Flexibilität, die grundsätzlich auch alternative Entwicklungsmöglichkeiten einschließt. Überhaupt kommt in der Sanierungsdurchführung der Steuerung des Entwicklungsprozesses eine hohe, oft die überragende Bedeutung zu.

Von dieser Ausrichtung sind die Planungen der anderen Aufgabenstellungen und Ebenen meistens noch weit entfernt. So ist die Frage zu stellen, welche Landesentwicklungspläne und welche Regionalpläne schließen im größeren Umfang Alternativen für die Entwicklung ein? Kann unter den zukünftigen Bedingungen Landesentwicklungsplanung und Regionalplanung noch wie bislang erfolgen, oder müßte die Ausrichtung viel stärker in Richtung Prozesssteuerung tendieren? Immerhin wird in der Fachdiskussion seit längerem für die Regionalplanung eine derartige Entwicklung postuliert. Die Instrumente der Regionalforen, Regionalkonferenzen und teilweise auch der REK (Regionalen Entwicklungskonzepte) zielen ja schon in diese Richtung. Wenn zudem die klassischen Steuerungsmöglichkeiten durch Förderprogramme wegen fehlender Mittel oder Neubaubedarfe ohnehin erheblich an Bedeutung verlieren wird das Rückwirkungen auf den möglichen Einfluss zur Steuerung durch die Ausweisung Zentraler Orte oder Entwicklungsachsen haben.

Zudem kommt ein weiteres Problem auf die traditionelle Ausrichtung der Raumordnung zu: Die Tendenz zur Enträumlichung von Angeboten. Durch die neuen Kommunikationsmedien und Angebotsformen besteht für Teilbereiche die Tendenz zur Umkehrung des klassischen Nutzerverhältnisses. Der Nutzer muss sich zum Erwerb einer Ware, einer Dienstleistung nicht mehr zum Ort der Erstellung bzw. Abgabe begeben, sondern Ware oder Dienstleistung werden zu ihm nach Hause transferiert. Damit löst sich das klassische Stadt-Umland-Verhältnis für Teilbereiche auf, kehrt sich sogar um. Was schließen wir daraus für die Zentralen Orte?



9. Optimale Effizienz im Einsatz der Ressourcen

Die Rahmenbedingungen zwingen also dazu, die knappen Ressourcen so optimal als möglich einzusetzen. Das erfordert nach der hier vertretenen Auffassung:

Diese Forderungen bedingen bereits die bevorzugte Ausrichtung auf den Bestand. Sie bedingen aber noch weitere Aspekte:

Durch sektoral übergreifende Lösungen und interkommunale Kooperation, soweit sinnvoll möglichst beides miteinander verknüpft, lassen sich viel eher Bedarfe mit dem Bestand abdecken. Außerdem sind so auch eher effiziente Einrichtungsgrößen zu schaffen, so dass auch die Folgekosten sinken.

Die traditionelle sektorale Ausrichtung der Fördermodelle müßte aufgegeben werden. Das ist jedoch ein schwieriges Unterfangen. Die Probleme beginnen schon bei der Gebäudeplanung und den Richtlinien. Allein schon in der klassischen Entwurfslehre der Gebäudeplanung hat Nutzungsflexibilität einen geringen Stellenwert. Was zukünftig benötigt wird, sind hingegen Gebäude, die zumindest im zeitlichen Verlauf multifunktional genutzt werden können, z. B. in Teilen als Schule, als Bürgerhaus, Altentreff, Kindertagesstätte und dgl. Natürlich ginge das. Das belegen längst breit angelegte Felduntersuchungen (7). Aber es ist häufig nicht gewünscht. Eine derartige Ausrichtung hieße einen hohen Verantwortungsanteil an die kommunale Ebene abgeben, bzw. geringeren Einfluss der ministeriellen Ebenen. Aber deren Einfluss wird unter den Bedingungen der Bestandsentwicklung ohnehin zurückgehen.

Der zweite Aspekt die interkommunale Kooperation, ist fast noch komplizierter und schwieriger. In Deutschland ist die Planung, die Instrumente, Rechte und dgl., ausgenommen der neuen Instrumente wie Städtenetz, REK oder Regionalkonferenzen, in erster Linie auf die Einzelkommune ausgerichtet. In der Vergangenheit hat sich diese Ausrichtung durchaus bewährt. Inzwischen haben wir aber mit dem vereinigten Europa ganz andere Rahmenbedingungen und Raumbezüge. Die Einzelkommune hat für sich alleingenommen da kaum noch Entwicklungschancen. In den anderen EU-Staaten besteht diese Problematik nicht im gleichen Maße. Dort gibt es kaum eine vergleichbare kommunale Eigenständigkeit mit entsprechender Finanzausstattung. Dadurch findet dort bereits schon vom System her eine gewisse Koordinierung von oben statt. In den deutschen Kommunalverfassungen gibt es diese kaum, bzw. wo sie existiert wird sie nicht oder nur sehr zurückhaltend angewandt. Um so wichtiger ist daher die freiwillige Kooperation, damit diese in der Vergangenheit bewährten Rahmenbedingungen sich nicht zum Nachteil für die Zukunft wandeln. Nach der hier vertretenen Auffassung ist ein entsprechender Wandel in den kommunalen Verhaltensweisen fast von existenzieller Bedeutung für die Zukunftschancen. Außerdem liegen dort noch größte Potentiale, um mit den zukünftigen Erfordernissen zurecht zu kommen.

Diese Entwicklung bedingt auch andere Ausprängungen der Zentralen Orte. Der Weg, der mit den Städtenetzen eingeschlagen wurde, ist für die einzelnen Zentren in ihrer Beziehung zu ihren Umlandgemeinden genauso wichtig (8). Statt der "klassischen" Ausweisung Zentraler Orte geht es nach der hier vertretenen Auffassung zukünftig eher um die Bildung zentralörtlicher Umlandkooperationen oder anstelle der Ausweisung benachbarter Zentraler Orte, um die Bildung zentralörtlicher Funktionsräume.

Die Planung sollte die Entwicklungsaufgaben zukünftig viel stärker als Vernetzung begreifen und zwar sowohl auf kommunaler als auch auf regionaler und auf Landesebene. Die Einflussnahme ist dabei vor allem als Prozesssteuerung vorzunehmen. Die klassischen Planwerke wie Landesentwicklungsplan und Regionalplan müssten diese Aspekte, die Vernetzungen, Kooperationen bis hin zu großer Flexibilität unter der verstärkten Einbeziehung von Alternativen berücksichtigen. Dennoch werden sie genauso wie die klassische Bauleitplanung kaum für eine wirksame steuernde Einflussnahme auf die Entwicklung ausreichen. Statt dessen dürfte den Aspekten der aktiven Prozesssteuerung, insbesondere durch Beratung, Anleitung oder Moderation weit größere Bedeutung zukommen. Mit einer derartigen Ausrichtung ließen sich auch eher die Folgen eines möglichen Schrumpfungsprozesses in Teilräumen bewältigen.



10. Resümee

Zusammenfassend lässt sich feststellen, die Planung muss schon zukünftig von teilweise deutlich veränderten Rahmenbedingungen ausgehen. Das bedingt z. T. eine generelle Abkehr oder zumindest Veränderungen für die vertrauten Vorgehensweisen. Nun mag sein, dass in den Ausführungen einiges überzeichnet wurde. Das ist aber durchaus absichtlich erfolgt, um die Diskussion anzuregen. Ohnehin konnten die Ausführungen zu der möglichen Entwicklung der Anforderungen an die zukünftigen Planungsaufgaben die Problematik nur streifen, denn für eine genaue Betrachtung ist die Thematik viel zu groß und die Redezeit für diesen Vortrag dafür viel zu kurz, aber wie gesagt, es geht vor allem um Diskussionsanregungen.

Darauf kommt es aber an, denn die Herausforderungen sind groß. In dieser Hinsicht könnte gerade das heute neu gegründete Raumwissenschaftliche Kompetenzzentrum Dresden einen wichtigen Beitrag leisten und so zur fundierten Klärung der hier nur kurz angerissenen vielen Aspekte und Probleme beitragen.



Quellen:

0. Bundesministerium für Wirtschaft (Hrsg.) Wirtschaftspolitische Implikationen eines Bevölkerungsrückgangs, Gutachten des wissenschaftlichen
Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft, Studienreihe 28, Bonn 1980

1. Bensch, G.: Das Beispiel Duisburg als altindustriealisierter Verdichtungsraum, in: Räumliche Wirkungen des sozioökonomischen Strukturwandels
und seine Folgen für die Stadt- und Regionalplanung, in ISR Diskussionsbeiträge, H. 26, Berlin 1987.

2. Winkel, R.: Perspektiven der Siedlungsentwicklung und veränderte Anforderungen an das Steuerungsinstrumentarium der Entwicklung in den
ländlichen Räumen Thüringens, in: Entwicklungsperspektiven ländlicher Räume, Dokumentation zum 2. Workshop am 9.3.2000 Erfurt, Hrsg.
Thüringer Staatskanzlei; Erfurt 2000.

3. Winkel, R.: Infrastruktur in der Stadt- und Regionalplanung, Frankfurt/New York 1989.

4. Schulz, E.: Bevölkerungsperspektiven in Deutschland, in: Bevölkerungsentwicklung - Folgen für die Entwicklung in den ländlichen Räumen Thüringens,
Dokumentation zum Workshop am 24.11.1999 in Erfurt, Hrsg. Thüringer Min. f. Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt, Erfurt 2000.

5. Winkel, R.: Infrastruktur in der Stadt- und Regionalplanung.

6. Mackensen, R.: Leben im Jahre 2000 und danach, Berlin 1984.

7. Winkel, R.: R.: Neue Bauaufgaben infolge veränderter Anforderungen an die öffentli-che Infrastrukturversorgung, in: Hessische Städte- und
Gemeindezeitung, 1991, H. 3.

8. Winkel, R.: Kooperative Umlandverbünde - Eine Möglichkeit zur Fortentwicklung des Konzeptes der Zentralen Orte, in: Der Landkreis, 2000, H. 10.

Der hier veröffentlichte Vortrag "Planung im Wandel" wurde von Prof. Dr. habil Rainer Winkel, Institut für Städtebau u. Regionalplanung der Technische Universität Dresden als wissenschaftlicher Eröffnungsvortrag auf der Gründungsveranstaltung des Raumwissenschaftlichen Kompetenzzentrums am 11. Juli 2000 gehalten.

Die Referate "Planung im Wandel" und "Perspektiven für den Osten" wurden in der Schriftenreihe des Lehrstuhls für Landesplanung und Siedlungswesen, Heft 1 unter dem Titel:

Perspektiven der Siedlungsentwicklung in Ostdeutschland

ISBN 3-936093-00-8 veröffentlicht und sind über email-Bestellung ( Regionalplanung@mailbox.tu-dresden.de) oder im Buchhandel erhältlich.